SCR-Zinsrisiko ab 2027: Warum ein Durchschnittswert hier nicht reicht
Ab dem 30. Jänner 2027 gilt für das Zinsrisikomodul der Standardformel ein neuer Schockansatz. Die Delegierte Verordnung (EU) 2026/269, am 18. Februar 2026 im Amtsblatt veröffentlicht, ersetzt den rein relativen Zinsschock durch einen verschobenen relativen Ansatz: Zu einem kleineren multiplikativen Faktor tritt ein additiver Aufschlag.
Fenion hat den neuen Ansatz vollständig implementiert und für Versicherungskunden eine Parallelrechnung über ihr gesamtes Fondsportfolio durchgeführt — Stichtag 30.06.2026, EIOPA-Kurven ohne Volatilitätsanpassung. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen und im nächsten wieder auseinandernehmen.
Das Ergebnis auf einen Blick
Über das betrachtete Portfolio steigt das SCR Zinsrisiko im Aufwärtsszenario um gut 70% (Faktor 1,71), im Abwärtsszenario um knapp 60 % (Faktor 1,58). Das bindende Szenario bleibt in beiden Rechnungen das Aufwärtsszenario.
Interessant ist aber nicht der Durchschnitt, sondern die Streuung dahinter: Die Faktoren der einzelnen Fonds reichen von 0,92 bis 2,34. Ein Fonds sinkt, ein anderer steigt auf mehr als das Doppelte. Wer die Betroffenheit seines Bestands aus einem Portfoliomittel ableitet, liegt bei einzelnen Positionen um den Faktor zwei daneben.
Drei Treiber erklären die Streuung
Duration. Aufwärts wirkt der neue Schock am kurzen Ende am stärksten — bei einem Jahr verdoppelt er sich, von 181 auf 372 Basispunkte, bei fünfzig Jahren bleibt er praktisch unverändert. Abwärts ist es genau umgekehrt: Dort ist der neue relative Faktor am langen Ende deutlich größer als bisher, bei fünfzig Jahren 65 % statt 25 %. Kurzläufer sehen vor allem das Aufwärtsszenario anziehen, lange Cashflows vor allem das Abwärtsszenario.
Zinsniveau der Währung. Der additive Aufschlag ist ein fester Betrag; der abgesenkte relative Faktor kostet dagegen umso mehr, je höher der Zins steht. Daraus folgt ein Kipppunkt — bei zehn Jahren rund 8,8 % Ausgangszins. Darunter schockt die neue Regel härter, darüber milder. Der Euro liegt mit 2,6 bis 3,2 % weit darunter; Hochzinswährungen liegen darüber und werden systematisch entlastet. Kalibriert ist der Ansatz erkennbar auf ein Zinsumfeld von etwa 0 bis 4 %.
Instrumentenart. Fonds mit Optionalität oder umgekehrtem Vorzeichen — Wandelanleihen, kündbare Nachränge, fremdfinanzierte Immobilienfonds — reagieren nicht linear. In unserer Rechnung sinkt genau ein Fonds in beiden Richtungen; ein anderer trägt einen negativen Zinsschock und damit einen Diversifikationsbeitrag, der mit derselben Systematik mitwächst.
Was jetzt zu tun ist
Parallel rechnen, nicht umstellen. Bis zum 30. Jänner 2027 bleibt die bisherige Methodik maßgeblich. Sinnvoll ist, die neuen Kurven ab sofort zusätzlich zu führen — Kapitalplanung und ORSA brauchen die Zahl früher als das Meldewesen.
Über die Einführungsphase entscheiden. Artikel 46a erlaubt mit Genehmigung einen Konvergenzparameter von 20 % im Jahr 2027, linear absinkend bis 2032, statt 11 % im Endzustand. Für langlaufende Bestände macht das jenseits des First Smoothing Point — beim Euro ab zwanzig Jahren — einen spürbaren Unterschied. Die Entscheidung sollte auf gerechneten Varianten beruhen, nicht auf einer Schätzung.
Datenqualität prüfen, bevor Zahlen wandern. Auffällige Einzelwerte waren in unserer Rechnung durchgehend erklärbar — aber erst nach einem Blick auf Währungs-, Restlaufzeit- und Optionsprofil. Auf Modulebene sieht ein Ausreißer aus einer Datenlücke genauso aus wie einer aus der Methodik.
Wo Fenion steht
Der neue Schockansatz ist bei uns implementiert und einsatzbereit: verschobener relativer Schock in beiden Richtungen, laufzeitabhängiger Floor, die neue Extrapolation jenseits des First Smoothing Point und die Randregeln für sehr kurze und sehr lange Laufzeiten. Die Methodik ist gegen die Referenzrechnung der EIOPA validiert. Parallelrechnungen für einzelne Fonds oder ganze Bestände sind kurzfristig darstellbar, wahlweise mit oder ohne Phase-in.